Werner Bischof

Werner Bischof

Chronist des 20. Jahrhunderts

November 2017

Werner Bischof ist einer der großen Fotografen und Chronisten des 20. Jahrhunderts. Sein Werk eröffnet den Blick auf andere Kulturen, Welten und Lebensumstände, es hat die Sicht auf die Welt seit Ende den 1940er Jahren verändert. Bischofs (Sozial-)Reportagen sind stets dem Anspruch verpflichtet, die Realität abbilden zu wollen – und dabei die fotografische Qualität nicht aus dem Auge zu verlieren. Auf seinen Reisen durch Asien, Nord- und Südamerika sowie zu Beginn seiner Laufbahn durch das kriegszerstörte Europa brachte er Bilder hervor, die dem Betrachter die Diversität der menschlichen Existenz vor Augen führen. „Es trieb mich hinaus, das wahre Gesicht der Welt kennen zu lernen."
„Es trieb mich hinaus, das wahre Gesicht der Welt kennen zu lernen. Unser gutes, gesättigtes Leben nahm vielen den Blick für die ungeheure Not außerhalb unserer Grenzen“, schrieb Werner Bischof. Seine Tagebucheinträge und Briefwechsel gelten heute als Zeugnis seiner sozialen Verantwortung und seines humanistischen Engagements. Er setzte neue Maßstäbe in der Fotografie, indem er Qualität und Ethik verband. Zahlreiche seiner Bilder haben sich heute in das kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben. Ob der Flöte spielende Indiojunge in den peruanischen Anden oder die japanischen Mönche im Winter vor einer Tempelmauer – immer strahlen seine Protagonisten Würde aus. Vor allem seine später entstandenen Arbeiten kennzeichnet eine poetisch aufgeladene Bildsprache und präzise durchdachte Kompositionen.

Geboren 1916 in Zürich und ausgebildet an der Kunstgewerbeschule in Zürich, war Bischof erstes Mitglied der Fotoagentur Magnum, heute Inbegriff und Bewahrerin der von Henri Cartier-Bresson begründeten humanistischen Fotografie. Unter den Fittichen von Magnum-Mitglied Robert Capa mauserte sich Bischof zu einem gefragten Fotografen und arbeitete für auflagenstarke Magazine wie Life und Paris Match. Mit zunehmendem Erfolg geriet er jedoch in ein Dilemma: Dem eigenen ethischen wie ästhetischen Anspruch verpflichtet, fühlte er sich schon bald von der Oberflächlichkeit und Sensationsgier der Magazine abgestoßen.

Nach immer reißerischen Bildern wurde verlangt, um die Sensationslust der Leser zu befriedigen. „Ich bin irgendwie am Ende, diese Storyhetzerei hat mir Mühe gemacht, nicht physisch, sondern geistig“, schrieb er in einem Brief an seine Frau Rosellina im Jahr 1952. Wie konnte er auf Dauer den hohen Maßstäben der Magnum-Kooperative genügen, wenn er kaum mehr Zeit und Muße fand, um den „entscheidenden Augenblick“ (Cartier-Bresson) abzuwarten oder sich Schritt für Schritt so nah wie möglich an das Geschehen heranzutasten (Capa)? Wie konnte er seinen subjektiven Blick, mit dem er politische und soziale Missstände weltweit, aber auch den Zauber anderer Kulturen und Landschaften dokumentierte, gegenüber der Sensationspresse behaupten? Lange nach seinem Tod, als das Foto zunehmend zum dekorativen Element in Magazinen und Zeitschriften verkümmerte, zogen sich die Magnum-Fotografen aus dem Betrieb zurück und konzentrierten sich auf die Veröffentlichung ihrer Arbeiten in eigenen Büchern und Ausstellungen. Werner Bischof wurde bereits 1955 posthum mit dem Fotobuchpreis Prix Nadar ausgezeichnet – dank seiner Frau Rosellina, die nach seinem frühem Unfalltod 1954 Publikationen über sein fotografisches Schaffen herausgab.

Text: Jasmin Shamsi

Werner Bischof
Dschunken im Hafen von Kowloon, Hong Kong, 1952
2 400,00 
Werner Bischof
Mönche im Hofe des Meiji-Tempel, Tokyo, Japan, 1952
3 100,00